Glas halb voll! Der Pessimismus ist ausgemerzt … und Karl Valentin ein Kollateralschaden.

Wer kennt sie nicht: unsere Happiness-Jünger. Gezwungen grinsend empfehlen sie uns Optimismus in Maximaldosierungen und mahnen uns mit wichtig hochgezogenen Augenbrauen, dass unser Hang zur morbiden Melancholie, zur zögernden Zurückhaltung und zur gepflegten tristezza falsch, falsch, falsch sei. Nachteile bei der Persönlichkeitsentwicklung und im Beruf stünden demjenigen ins Haus, der nicht augenblicklich positiv zu denken begönne. Ha – nimm das, Karl Valentin! 2016 wäre es wirklich eng für Dein Karma geworden.

Geboren aus der Ménage à trois von Esoterik, First-World-Philosophie und Pseudowissenschaft beabsichtigt die Einhorn-inspirierte Denkweise nun offensichtlich, sich auch im Duden einzunisten. Und zwar in Form des halb vollen oder halb leeren Glases, einer hermeneutisch völlig aus dem Ruder gelaufenen Begriffsneuschöpfung, der dringend mal jemand auf die Fingerchen klopfen muss. Ich presche mutig voran und versuche eine semantische und syntaktische Annäherung. Was ich damit zeigen will? Dass die kalkulierte Frage, ob ein Glas halb voll oder halb leer ist, keine Aussage über den Gemütszustand des Befragten zulässt. Wohl aber über den des Fragenstellers. Und über die Gesamtbefindlichkeit unserer Gesellschaft.

Photocredit: Barbara.

Ideologie in der digitalen Welt

Um die Begriffwerdung des halb leeren und halb vollen Glases nachzuvollziehen, braucht es ein kurz vorangestelltes Wort über die Ideologie im Frühjahr 2016: Die Social Media befinden sich im arretierten Würgegriff von religiösen, politischen, ernährungstheoretischen, verschwörungstheoretischen – und spirituellen Schreihälsen. Was am Ende eines langen Prozesses in Form von Isis, Pegida, Geistheiler- und Hohle-Erde-Vorträgen in der Wirklichkeit sichtbar wird, beginnt lange vorher virtuell mit einer Art facebook-Spiritualität, aber vor allem mit verkeimten Köpfen. Egal, wie sie heißen: Lutz Bachmann, Pierre Vogel, Eckhart Tolle, Katie Byron, Robert Betz, Xavier Naidoo … sie flüstern uns ihre Doktrin ein, die unterm Strich besagt, dass unsere Welt, unsere Maßstäbe und Systeme, aber natürlich auch wir selbst irgendwie noch nicht richtig sind. Wir könnten es aber natürlich werden, wenn wir auf ihren wohlfeilen Rat (€!) hören würden und uns optimieren ließen.

Das Wirkprinzip jeder Ideologie

Fanatiker sind grade auf dem Vormarsch. Die meisten von ihnen stellen einer guten (der sie natürlich selber angehören) antithetisch eine böse Welt gegenüber. Dazwischen gibt es nicht viel. Komplexität, Kompromiss und Kommunikation lösen in ihren Hirnen keine Faszination aus. Es gibt nur Schwarz und Weiß. Es gibt Stallgeruch und Xenophobie, Gott und Deibel. Der Brei, der ihrer quietschenden Weltachse Viskosität verleiht, wird zum Gutteil aus selektivem Blickwinkel und Narzissmus angerührt.

Und so gelten in der stark kontrastierten Weltsicht von Esoterikern auch Optimismus und Pessimismus als gänzlich unvereinbare, sich gegenseitig kategorisch ausschließende Charaktereigenschaften. Wen wundert also, dass esoterische Multiplikatoren im Sturm und Drang der Digitalisierung eine perfide kleine Pseudodichotomie in den Köpfen unserer Wellness-Bevölkerung verankern konnten: das Bild vom halb vollen oder vom halb leeren Glas. Diese Metapher soll auf den Punkt bringen, dass der Optimist der bessere Mensch ist und dass der Pessimist in einer Welt, deren intellektueller und emotionaler Überbau hauptsächlich aus Club Mate, Yogamatten und Hipsterbärten besteht, nichts mehr zu suchen hat. Spirituelle Kommerzbetreiber legen die Lesart nahe, dass es sich bei dem eckigen Sprachbild um ein Sprichwort, richtiger um eine Redewendung handle, die der Volksmund vor langer Zeit hervorgebracht habe.

Etymologisch gesehen stimmt das aber gar nicht. Denn wer versucht, „Glas halb voll, Glas halb leer“ zu googeln, versteht schnell, dass das Bild alles andere als sprachkompatibel ist, geschweige denn auf eine natürlich gewachsene Worthistorie zurückblicken kann.

Versuchen Sie mal, einen abstrakt gemeinten Satz mit „Glas halb voll, Glas halb leer“ zu bilden!

Schon der Umstand, dass man „Glas halb voll, Glas halb leer“ im abstrakten Optimist-Pessimist-Sinn kaum in einen sinnvollen deutschen Satz eingliedern kann, liefert ein Indiz dafür, dass mit der Begriffsauslegung der zahlreichen Lebenscoaches und spirituellen Unternehmensberater etwas nicht stimmen kann.  Ich hab’s trotzdem versucht. „Schön! Langsam denkst Du beruflich schon etwas mehr Glas-voll“? Hä? Als Modaladverb wird das aber noch nix. „Kollege von mir, der Martin Schmidlechner, also der hat ja eine absolut Glas-leere Einstellung. Da bleibt die Führungsposition aber noch in weiter Ferne.“ Hm? Adjektivähnliche Konstruktion scheidet auch aus. „Und ich sach noch: Glas halb leer!“ Puh, Sprichwort funktioniert auch nicht, ich hab keine Lust mehr. Sorry – ohne das Bild superumständlich (was habe ich in diesem Artikel gekämpft!) erklären zu müssen, klappt die Integration einfach nicht.

Wer „Glas halb voll“ oder „Glas halb leer“ sagt, hat immer eine ganz konkrete Intension – und keine Wahlmöglichkeit

Stattdessen zwei wohltuend einfach konstruierbare, deutsche Sätze mit „Glas halb voll, Glas halb leer“ gefällig? Geburtstagskränzchen bei den Nachbarn. Frollein Opitz hat sich die Zeit mühsam aus ihrem Kalender herausgeschnitten, weil sie morgen schon vor Sonnenaufgang nach Bremen fliegen muss. Auf die Frage, ob sie noch ein Schlückchen vom guten Rotkäppchen-Schampus wolle, antwortet sie: „Nein danke, mein Glas ist ja noch halb voll!“. Was sie damit ausdrücken möchte? Doch beileibe keinen lebensbejahenden, erfolgsorientierten Optimismus. Sie möchte in erster Linie mitteilen, dass sie vorerst keine weiteren Promille zu konsumieren beabsichtigt. Dahinter kann sogar in der zweiten Reihe die Andeutung mitschwingen, dass sie bald aufbrechen wird, weil sie morgen ihre Reise – unverkatert – antreten möchte. Oder dass ihr der Rotkäppchen-Sekt geschmacklich nicht zusagt, sie aber dennoch als höflicher Gast in Erinnerung bleiben möchte.

Sie hätte diese Aussage verfälscht, wenn sie gesagt hätte: „Nein danke, mein Glas ist ja schon halb leer“. Sprachlich, also semantisch, hatte sie also überhaupt keine Wahl und musste in diesem Kontext „halb voll“ benutzen.

Hätte sie dagegen gesagt: „Logo, immer man nachgeschenkt! Mein Glas ist ja schon halb leer!“, hätte sie auf sympathische Weise angekündigt, noch etwas Zeit in geselliger Runde zu verbringen. Nicht der Hauch von Pessimimus zu diagnostizieren, sondern eine sehr konkrete Aussage, die sich unter keinen Umständen abstrakt umdeuten lässt. Sie zielt vollkommen unmissverständlich auf eine Handlungsanweisung ab: Einschenken, aber dalli! Und auch hier gibt es wie schon vorhin sprachlich keinerlei Spielraum, „halb leer“ aus Gründen der positiven Selbstoptimierung mit „halb voll“ zu ersetzen.

Nicht einmal in der Variante des oben Erörterten geht’s auf: Im Deutschen – übrigens auch im Englischen – ist ein Glas stets mit einer Flüssigkeit „gefüllt“, und eben nicht „geleert“. Alternativlos.  Wer sagen wollte: „dieses Glas ist mit 250 Milliliter Schwarztee geleert“, der macht eben eindeutig einen Semantikfehler.

Glas halb voll, Glas halb leer? Pseudowissenschaftlichkeit veranschaulicht

Bitte, welcher Bazi hat also als Erster das volle und das leere Glas aus ihren ziemlich eindeutigen Sprachkontexten gerissen und sie in eine fremde semantische Umgebung transplantiert, in der sie nichts verloren haben?

Dass der sprachlich vollkommen überfrachtete Mythos vom halb vollen oder halb leeren Glas so leicht an unserer Wohlstandsdenke andockt und wir ihn so gerne als traditionsreiche Redewendung verstehen würden, hängt vermutlich an unserer Affinität für schwarz-weiße Weltbilder, an unserer unerschütterlichen Bewunderung für den calvinistisch-karmisch entlohnten Tellerwäschermillionär sowie an unserer Anfälligkeit für pseudowissenschaftliche Binsenweisheiten. Denn wer das Bild kolportiert, der setzt vermutlich voraus, dass es sich dabei um eine Art Versuchsanordnung handelt, in der der Herr Professor im weißen Kittel seinen Probanden im Rahmen einer Studie die Frage stellt, ob das Glas, das sie vor sich sähen, halb voll oder halb leer sei.

Klingt plausibel. Aber bei genauer Reflektion kann es so eine Versuchsanordnung natürlich nicht geben. Denn Suggestivfragen verbieten sich in einer seriösen Studie von selbst – vorausgesetzt, man möchte zu einem repräsentativen und ehrlichen Ergebnis gelangen. „Herr Prokopetz: sehen Sie dieses Glas? Ist es Ihrer Meinung nach halb voll oder halb leer?“ Bitte um Entschuldigung, aber jeder Proband begreift, dass es sich hierbei – in memoriam Loriot und Steinlaus – um einen humanistischen Scherz handeln muss. Denn „halb voll“ und „halb leer“ gelten im Rahmen unserer hypothetischen Studie ganz offensichtlich und für jeden identifizierbar als sprachliche Synonyme, die sich nicht dazu eignen, den immer gleichen Füllungszustand des Glases nach Lust und Laune subjektiv zu interpretieren. Die erwartbarste Erwiderung auf obige Frage wäre also die Gegenfrage: „Aber Prof. Dr. Dr. Müller-Rübenschmidt, ‚halb voll‘ und ‚halb leer‘ ist doch hier ein und dasselbe!?“.

Und hier die Studie zu „Glas halb voll – Glas halb leer“! Ach nee, doch nicht.

Selbstredend konnte ich die Existenz einer solchen Studie nicht verifizieren, wobei es ein Leichtes wäre, wenn es sie wirklich gäbe. Der tatsächlich zur Redensart gewordene Pawlowsche Hund zum Beispiel brilliert mit einem enormen Wikipedia-Eintrag, dem das Milgram-Experiment kaum nachsteht. Nur der Wikipediaeintrag dieses Glas-voll-Glas-leer-Dingens glänzt mit Lücken und mehr Fragen, als Antworten. Philosphisch soll diese Fragestellung also sein? Auch dazu konnte ich nicht viel finden. Offensichtlich deshalb, weil das Bild nicht einmal zum philosophischen Streitgespräch besonders viel taugt. Kurzer Schmunzler – nächstes.

So ist es einigermaßen lustig zu beobachten, dass die pseudowisschenschaftliche Allegorie hie und da sogar im akademischen Umfeld zitiert wird, ohne dass man dort erkennen würde, dass sie die Anforderungen an wissenschaftliche Methodik nicht im Ansatz erfüllt.

Esoterischer Mumpitz schlägt sich in Sprache nieder

Fassen wir also zusammen:

  • Die einzige Möglichkeit, im Alltag verständlich von einem halb leeren oder von einem halb vollen Glas zu sprechen, läuft im Rahmen einer metaphorischen Handlungsaufforderung in einer ganz konkreten, immer individuellen Sender-Empfänger-Situation ab.
  • Eine Studie, die beweisen könnte, dass Optimisten automatisch denken, dass ein bis zur Hälfte gefülltes Glas halb voll, Pessimisten dagegen automatisch denken, dass es halb leer sei, ist nicht bekannt.
  • Auch ein philosophischer Diskurs zum Thema fehlt oder geht höchstens soweit, sich kurz über die Trivialität der Frage lustig zu machen.

Bei Glas-halb-Sie-wissen-schon handelt es sich meiner Meinung nach um einen Sprachmythos, der sich deshalb so gut kultivieren lässt, weil unsere Gesellschaft immer merkwürdiger wird. Glas-halb-voll-Glas-halb-leer bietet keine tiefsinnige Einsicht in die Psyche des Menschen, sondern ist eine manipulative Erfindung, die hauptsächlich Lifestyle-Coaches, Esoteriker und anderes Gelichter dazu benutzen, ihren Neukunden dringenden Optimierungsbedarf nahezulegen. Den eingangs erwähnten Superpessimisten Karl Valentin und seine Lisl Karlstadt würde es im Jahr 2016 dann nicht geben. Das ist doch schade, Leute!

 

 

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(Photocredits: CC BY 2.0, thank you, Claudia Saar und Barbara!)

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